Sophie Holm 2 – Ein Gruss zuviel

Hallo zusammen,

es ist lange her, dass ich etwas auf dem Blog gepostet habe. Dafür kommt hier eine neue Sophie-Holm-Geschichte. Ich hoffe sie gefällt dem einen oder anderen.

Den ersten Teil und damit die Einführung in das Thema gab es unter Sophie Holm 1 – Eine einfache Tasche.

Die neue Geschichte gibt es auch wieder als PDF, ePUB oder MOBI.

Viel Vergnügen und viele Grüße,
Arno


 

1

In den ersten Monaten, in denen ich in der Beckerstraße in der kleinen Altbauwohnung im dritten Stock lebte, wurde meine Freundschaft zu Sophie sehr vertraut. Wir verbrachten große Teile unserer Freizeit gemeinsam und ihre Leidenschaft für Rätsel und fremde Geheimnisse wurde auch bei mir entfacht. Die meisten in ihrem Bekanntenkreis erfuhren von dieser Passion. Viele von ihnen trugen ihr früher oder später, manche spaßeshalber, manche mit ernstem Hintergrund, Informationen oder Probleme zu, mit denen Sophie sich dann befasste. Oft brachte sie auch ihre gute Beobachtungsgabe in Situationen, in denen sie ihrem Hobby frönen und gleichzeitig anderen Menschen helfen konnte, wie der alten Frau Holder im ersten Stock nach dem Einbruch,  oder dem Besitzer des Café Ahrensberg bei der Sache mit dem Schraubenschlüssel, der antiken Geige und den Spiegeln. Oft durfte ich dabei sein, wenn es an die Auflösung dieser Probleme ging oder ihr beim Nachgrübeln und Recherchieren Gesellschaft leisten. Hier und da halfen ihr meine Äußerungen sogar dabei, die Rätsel zu lösen. Wir sahen uns fast täglich. Daher wunderte ich mich nicht, als es an einem Dienstagmorgen bei mir Sturm klingelte. Vor der Tür stand Sophie, die angespannt wirkte. „Jan, du bist doch ziemlich fit am Rechner, richtig?“, fragte sie rhetorisch. „Dir auch einen guten Morgen“, sagte ich gähnend, „was soll ich tun? Ein neues Betriebssystem installieren? Dem BND die Festplatten löschen? Mich in die Rechner des Innenministeriums hacken?“ Sie verdrehte die Augen. „Ne, du sollst dir nur einen Laptop angucken und schauen, ob da was drauf ist, was nicht sein sollte. Und das möglichst bald.“ Ich griff hinter mich, nahm meine Jacke vom Haken und schloss die Tür. „Dann ist ja gut, ich hätte von den drei Sachen auch nur das mit dem Betriebssystem hinbekommen.“ Sophie grinste, sagte aber nichts weiter und ging voran, die Treppen hinab.

2

Draußen wies sie mir den Weg, wollte aber nicht mit Details herausrücken, worum es ging. „Lass es dir lieber von den beiden erzählen“, sagte sie nur. Den Rest des Weges hing sie schweigend ihren Gedanken nach und ich grübelte, was hier wohl auf mich zukommen würde. Und war jetzt ein guter Zeitpunkt, endlich mit der Frage herauszurücken, die mir seit dem Anruf letzten Dienstag unter den Nägeln brannte? Ich entschied mich dagegen, Sophie schien nicht in der Stimmung zu sein. Zur Vorlesung, die in einer Stunde begann, konnte ich es, wenn es schnell ging, noch schaffen. Sophie bog um eine weitere Ecke, betrat einen Hauseingang und klingelte. Die Gegensprechanlage blieb stumm. Einen Moment später war der Türsummer zu hören und wir traten ein. Das Treppenhaus unterschied sich kaum von unserem: Heruntergekommene Wände, ebenso heruntergekommene metallene Briefkästen, die vor Werbung überquollen, eine staubige Treppe, die es zu erklimmen galt. Das Treppengeländer war weinrot gestrichen und sah von allem, was das Auge hier erblicken konnte, am besten erhalten aus. In einer offenen Tür standen ein Mann und eine Frau samt Kleinkind, das ihnen um die Beine wuselte. Offensichtlich brachen sie gerade zu einem Ausflug auf. Sie sprachen Englisch miteinander und diskutierten, ob sie irgendetwas vergessen hatten. Die Frau rief dem Kind immer wieder irgendetwas zu, das ich nicht verstand, der Mann fuhr sich mit der Hand durch seinen rostroten Vollbart. Auf der Treppe begegnete uns ein weiteres Pärchen, das sich lachend unterhielt. Sie waren schick hergerichtet, als würden sie fein ausgehen, für meinen Geschmack allerdings ein zu grell und glitzernd.
Im zweiten Stock begrüßten uns zwei großgewachsene blonde Frauen, die sich verblüffend ähnlich sahen. Ich schätzte sie auf Mitte 20. Sie stellten sich mir als Sarah und Jane vor. Sie kannten Sophie entfernt von der Uni. Wir nahmen alle im Wohnzimmer Platz und Sophie bat die beiden: „Erzählt die Geschichte nochmal von Anfang an. Jan soll mir helfen, also muss er instruiert sein, und mir kann es nützen, alles noch ein weiteres Mal zu hören. Vielleicht fallen euch auch Details ein, die ihr beim ersten Mal vergessen habt.“
Sarahs Blick war ernst und verunsichert. Sie nickte und fing an zu erzählen: „Das Ganze hat vor fast drei Wochen angefangen. Und zwar damit, dass ich tagsüber eine SMS bekam. Die Nummer kannte ich nicht. Da hat mir jemand einfach einen schönen Tag gewünscht, sonst war nichts. Es stand aber auch nicht drunter, von wem die Nachricht war. Ich habe geantwortet und gefragt wer da schreibt, es kam aber nichts zurück. Ich habe mir nichts dabei gedacht.“ „Am nächsten Tag“, fing jetzt Jane an, „habe ich eine Mail bekommen, in der stand, dass die schwarzen Tamaris Heels schön meine Beine betonen. Er oder sie hat mir auch einen schönen Tag gewünscht. Die Schuhe, die ich an dem Tag anhatte, waren wirklich schwarze High Heels von Tamaris. Das war irgendwie gruselig.“ Mir sagte die Marke nichts, aber eine Frage drängte sich mir auf: „Welche Mailadresse stand als Absender dran?“
Die beiden jungen Frauen zuckten mit den Achseln. „Irgendwas Kryptisches. Ich kann es dir nachher zeigen.“ Die Geschichte ging immer so weiter. Mehr Nachrichten per SMS, per Mail, bei Facebook und Twitter. Auf jedem Kanal, über den die beiden zu erreichen waren. Immer anonym über völlig austauschbare Accounts. Erstaunlich war, dass sie auch immer wieder Zettel fanden, die man ihnen zugesteckt hatte und dass Nachrichten auf ihren Computern auftauchten und wieder verschwanden. „Einfach auf dem Bildschirm“, wie Sarah betonte. Leider gab es davon weder Screenshots noch Fotos, die Meldungen waren immer zu schnell verschwunden. Die Nachrichten waren anfangs sehr freundlich und auf eine bizarre, indiskrete Art und Weise nett. Mal äußerten sie Komplimente zum heutigen Make-Up oder der Kleidung der Beiden, mal wurde ihnen ein schöner Tag, viel Spaß in der Uni oder beim Einkaufen gewünscht. „Vielleicht ist es ein Verehrer“, schlug ich vor. „Ein Kommilitone, der sich nicht traut euch richtig anzusprechen.“ „Haben wir auch gedacht“, antwortete Jane, „aber uns fällt zumindest niemand ein, der da in Frage kommen könnte.“ In den letzten Tagen waren die Nachrichten persönlicher und anzüglicher geworden. Sarah wurde rot, als sie von einer Nachricht erzählte, in der es um die Schönheit ihrer Brüste gegangen war. Der Verfasser hatte beiden auf unterschiedliche Arten geschrieben, dass er sie sich nackt vorstelle und man merkte ihnen an, wie verwirrt und abgestoßen sie von all dem waren. Sie machten sich Sorgen, schließlich konnten Stalker richtig gefährlich werden.
Ich ließ mir von den beiden die Nachrichten auf ihren Handys zeigen und schrieb alle Handynummern ab, auch wenn ich es nicht für wahrscheinlich hielt, darüber tatsächlich Informationen zu bekommen. Danach gaben sie mir ihre Laptops, damit ich diese, wie von Sophie gewünscht, genauer in Augenschein nehmen konnte. Vielleicht fanden sich darauf Spuren, wie die Nachrichten dorthin gelangten, vielleicht war in den E-Mails mehr Information versteckt, als den Zwillingen aufgefallen war. Sie schienen am Computer nicht sehr bewandert zu sein. In der Zwischenzeit befragte Sophie die Zwillinge einzeln, um an weitere Details zu kommen. Offenbar fehlte ihr noch die zündende Idee, welcher ihrer Ideen es als erste zu verfolgen galt.
Die Computer waren beide nicht passwortgeschützt und auch sonst gab es darauf nichts, was Eindringlinge fernhalten würde. Ich begann damit, mir die Mails, die die beiden bekommen hatten, genauer anzusehen. Der Quelltext gab nicht viel her. Offensichtlich war jede der Mails von Accounts gekommen, die man schnell und kostenlos massenweise erstellen konnte. Ich versuchte irgendetwas Verdächtiges auf den Rechnern zu finden, doch da war rein gar nichts. Alles, was mir noch blieb, war, den beiden den Passwortschutz der Rechner zu aktivieren und Antivirenprogramme zu installieren. Dazu kam jeweils ein Programm, das den Datenverkehr auf den Computern mitschnitt. Alles, was von dem Rechner gesendet wurde oder darauf ankam, wurde dabei aufgezeichnet. Ich hatte die Hoffnung, darüber ein wenig mehr über diese Nachrichten, die so einfach auf dem Bildschirm auftauchten und wieder verschwanden, herausfinden zu können.
Als ich gerade die Rechner herunterfuhr und mit meiner Enttäuschung haderte, öffnete sich hinter mir die Tür. Sophie kehrte mit einem triumphierenden Lächeln aus Sarahs Zimmer zurück. Sie hatte eine Spur gefunden.

3

Wenig später machten wir uns auf den Heimweg. Ich hatte die Zwillinge gebeten, sich zu melden, falls weitere Nachrichten kamen. Sie wussten auch, dass fürs Erste jeder ihrer Schritte am Computer aufgezeichnet wurde. Ihnen das nicht mitzuteilen wäre mir unanständig vorgekommen. Sophie würde, bis es an dieser Front Ergebnisse gab, zweifellos versuchen, herauszufinden, wer hinter der ganzen Sache stecken konnte. Sie erzählte mir von der Spur, die sie im Gespräch mit Sarah ausfindig gemacht hatte. „Eine der Nachrichten, die sie erhalten hat“, sagte Sophie mit einem begeisterten Funkeln in den Augen, „war falsch.“ „Wie? Falsch?“, fragte ich. „Das Kompliment in der Nachricht bezog sich auf ein grünes Oberteil, das sie am Vormittag getragen hatte, aber in der Zwischenzeit hatte sie sich darüber Kaffee geschüttet und trug es als die Nachricht ankam schon mehrere Stunden nicht mehr.“ Sie wirkte fasziniert von dieser Erkenntnis, ich zuckte nur mit den Schultern. „Kann die Nachricht nicht einfach zeitverzögert angekommen sein?“ Sophie schüttelte den Kopf. „Wie oft passiert sowas noch?“, fragte sie. „Ich schätze das passiert ständig“, mutmaßte ich. „Und wie wahrscheinlich ist es“, fragte Sophie unbeeindruckt, „dass das ausgerechnet an einem solchen Tag bei einer solchen Nachricht passiert?“ „Vielleicht hat ihr Verehrer sie mittags gesehen und dann am Nachmittag an sie gedacht“, sagte ich. Sophie schüttelte erneut den Kopf, erwiderte aber nichts, sondern verfiel in nachdenkliches Schweigen, bis wir in der Beckerstraße die drei Stockwerke emporgestiegen waren, wo unsere Wege sich zunächst trennten.
Die Vorlesung hatte ich für heute abgeschrieben. Ich setzte mich an den Schreibtisch und brütete über einer Hausaufgabe in Linearer Algebra, bei der weder ich noch mein Gruppenpartner bisher weiterkamen. Nach kurzer Zeit hörte ich, wie sich die Tür der Nachbarwohnung wieder öffnete. Ich erkannte Sophies Schritte, die die Treppe hinuntereilten. Das Haus war so hellhörig, dass ich ohne es zu wollen immer genau informiert war, wer wann kam und ging. Die nächsten Minuten war es still im Treppenhaus. In meinem Kopf kreisten die Gedanken weit mehr um die seltsamen Nachrichten, die die Zwillinge erhalten hatten, als um die Matrizen, die ich da vor mir hatte. Es ging mir nicht aus dem Kopf. Warum sandte jemand solche Nachrichten? Pure Nettigkeit? Waren es wirklich Annäherungsversuche? Es war bisher nichts passiert und die Nachrichten freundlicher Natur, warum machten sie mich also nervös? Der Absender überschritt dabei Grenzen, vielleicht war das der Grund. Ich ließ meine Hausaufgabe noch ein wenig alleine vor sich hin reifen und suchte stattdessen, ob das Internet mir zu den Handynummern Informationen geben konnte. Offensichtlich gehörten sie allesamt zu einem Gratis-SMS-Dienst, bei dem man von der Homepage aus an jede deutsche Nummer Kurznachrichten senden konnte. Das passte ebenso wenig zu einem Annäherungsversuch wie der fehlende Absender, andererseits konnten Menschen sehr unterschiedliche Dinge für eine gute Idee halten. Wir würden erstmal abwarten müssen.
Sophie meldete sich erst am Spätnachmittag des nächsten Tages wieder bei mir. Sie rief mich an und bat mich, mit ihr zu den Zwillingen zu kommen. Wir trafen uns unten vor der Haustür, sie war offensichtlich nur kurz zum Schlafen zuhause gewesen und hatte den Rest der Zeit mit Recherche verbracht. Sie hatte dunkle Augenringe und ihre feinen Wangenknochen traten deutlicher als sonst zutage. Sie sah sehr abgespannt aus. Viele Kommilitonen und Freunde hatten ihr bereitwillig Auskunft über die Zwillinge gegeben. Offensichtlich gab es auch immer wieder den einen oder anderen, der sich in Sarah oder Jane verguckte, aber es hatte sich keine interessante Spur gefunden. In dem Café, in dem Sarah arbeitete, war ebenfalls nichts zu holen gewesen. „Es ergibt einfach keinen Sinn“, fluchte Sophie. „Die Nachrichten meinst du?“ Sie nickte. „Die beiden haben nichts, aufs dass es jemand abgesehen haben könnte. Die Theorie, dass es ein Verehrer sein könnte ist auch unwahrscheinlich, schließlich würde der kaum beiden schreiben.“ „Vielleicht hat er sie verwechselt“, schlug ich nach kurzem Nachdenken vor, „und als er seinen Irrtum bemerkt hat, dann einfach der anderen geschrieben.“ „Die Nachrichten kamen fast immer abwechselnd an die beiden“, wies Sophie kopfschüttelnd meinen Gedanken zurück. „Gab es eigentlich irgendetwas Neues?“, fragte ich Sophie, während wir den Weg des Vortags erneut abliefen, „oder warum sind wir wieder auf dem Weg zu den beiden?“ „Eine neue Nachricht“, sagte Sophie, „beziehungsweise zwei: eine auf Sarahs Computer, eine auf Janes Handy.“
Wieder wurden wir nach kurzem Klingeln eingelassen. Auf der Treppe kam uns ein hagerer Mann entgegen, der ohne richtig aufzusehen an uns vorbeihuschte. Seine Ausstrahlung war die eines geprügelten Hundes, der es vermeiden wollte, irgendwo aufzufallen.
Oben angekommen baten uns die Zwillinge herein. Sie sahen besorgt aus. Wir begrüßten einander und ließen uns dann von den beiden die Nachrichten zeigen. Die auf Sarahs Computer war kurz. Sie hatte diesmal schnell ein Foto gemacht, bevor die Nachricht wieder verschwunden war. Du solltest heute das rote Kleid anziehen. „Ich kann gut verstehen, wenn dich das beunruhigt“, sagte Sophie. Ihre Stirn war in Falten gezogen. Sie versuchte ebenso wie ich noch immer einen Sinn in der ganzen Sache zu sehen. „Dann solltest du erstmal das hier sehen“, sagte Jane ernst und reichte Sophie ihr Handy. Ich würde dich gerne mal besuchen kommen. Die Nachricht klang weit direkter als alle vorhergehenden. „Vielleicht ist es das Beste, wenn die beiden sich an die Polizei wenden“, schlug ich vor. Langsam bewegten wir uns in einer äußerst grenzwertigen Gegend. „Ja, da hast du wohl recht“, sagte Sophie. „Ich weiß nicht, wie viel die ausrichten können, aber in jedem Fall lohnt es sich, dort Meldung zu machen. Jetzt ist es wohl schon zu spät, aber morgen solltet ihr auf jeden Fall zur Polizei gehen.“
„Von wann war denn die Nachricht?“, fragte ich, um das Gespräch wieder auf den aktuellen Vorfall zu lenken. Sarah überlegte einen Augenblick, dann sah sie auf ihrem Handy nach und antwortete: „Das Foto habe ich kurz vor 12 gemacht.“
Ich setzte mich an ihren Laptop und öffnete das Programm, das ich ihr installiert hatte. Zunächst musste ich zwischen Sarah, die eine Webseite aufrief und unerwünschten Zugriffen auf ihren Computer unterscheiden. Nach sechs Minuten fand ich, was ich suchte. Tatsächlich hatte es gegen 12 Uhr solche Zugriffe gegeben. Ich sah mir die Unterhaltungen zwischen Sarahs Computer und anderen über das Internet an, soweit das Programm sie aufgezeichnet hatte. Einige Minuten später schlug ich mir mit der flachen Hand vor den Kopf. „Bin ich dämlich“, fluchte ich leise. Sarah erkundigte sich, was los sei. „Ich habe gestern nach Viren gesucht, nach irgendeinem Trojaner, der es erlaubt, an deinen Rechner ranzukommen und allem Möglichen in dieser Richtung. Aber ich habe nicht daran gedacht, dass du keine Firewall hast und nicht nach legalen Programmen gesucht, die solche Zugriffe ermöglichen. Jemand hat sich einen direkten Draht zu deinem Computer eingerichtet und kann bequem per Fernzugriff machen, was er oder sie will.“ Ich schüttelte verärgert den Kopf. „Aber warum ist sowas legal?“, fragte mich Jane. Sie sah verwirrt drein. „Solche Programme werden oft in großen Firmen benutzt, damit die IT-Abteilung auf die Computer der Mitarbeiter zugreifen und Sachen neu einstellen und Fehler beheben kann. Solche Sachen. Das, was hier bei dir passiert ist, ist nicht in Ordnung. Eigentlich hättest du die Verbindung auch bestätigen müssen. Mir ist noch nicht klar, wie das passiert sein kann.“ Ich speicherte alles, was mir an Zugriffsdaten zur Verfügung stand, auch wenn ich wusste, dass solche Daten vor Gericht keinerlei Bestand haben würden. Dann deinstallierte ich das Programm für den Fernzugriff und installierte eine Firewall, um jeden weiteren ungewünschten Zugriff aus dem Internet zu unterbinden, so gut es ging. „Das ist total gruselig“, sagte Sarah in Gedanken. „Das jemand alles sehen kann, was man am Computer macht.“ Ich nickte, aber mir fiel nichts ein, was ich hätte sagen können.
Sophie hatte auf einem Stuhl Platz genommen, und als ich sie anblickte, sah ich für einen kurzen Augenblick ein Lächeln in ihrem Gesicht aufblitzen. Ein Augenzwinkern später war davon nichts mehr zu sehen und ich fragte mich, ob ich es mir nur eingebildet hatte. Sophie wandte sich an die Zwillinge: „Wir sind bei unseren Besuchen hier ein paar eurer Nachbarn begegnet. Könnte es sein, dass ihr hier im Haus Verehrer habt?“
Die beiden jungen Frauen warfen sich nachdenkliche Blicke zu, dann schüttelten sie synchron den Kopf. „Überhaupt niemand“, sagte Sarah. Sophie beschrieb ihnen die Kleinfamilie, das Pärchen und auch den hageren Mann. Ich war erstaunt darüber, an wie viele Details sie sich nach diesen kurzen Begegnungen erinnerte. Im ersten Stock gab es eine Wohnung, die ohne Wissen des Eigentümers, der irgendwo im Voralpenland lebte, ständig weitervermietet wurde. Dort war gerade die Kleinfamilie zu Gast, die wir am Vortag getroffen hatten. Das prollig aussehende Pärchen hatte Sarah kurz nach dem Einzug erzählt, dass sie gemeinsam ein Start-Up gegründet hätten. Gerade waren sie wohl dabei, ein Spiel für Smartphones zu entwickeln, aber genauer wollten sie nicht darauf eingehen. Der dünne bleiche Mann, der uns eben auf der Treppe begegnet war, hieß Lutz Bernstedt, mit ihm hatte sich Sarah schon ein paar Mal kurz unterhalten. Er war erst vor 2 Monaten hier eingezogen und arbeitete, soweit sie wusste, für eine große Berliner IT-Firma namens SpeedWay an der Hotline.
Sophie hörte sich das alles ebenso interessiert an wie ich. „Wer wohnt sonst noch im Haus?“, fragte sie die Zwillinge. „Ich glaube“, begann Jane, den Blick nachdenklich zur Decke gerichtet, „das sind gerade fast alle. Hier ist immer viel Bewegung, was Nachbarn angeht. Ständig zieht irgendwer aus und jemand anderes wieder ein, obwohl es gar nicht so viele Wohnungen sind. In der Wohnung gegenüber von uns wohnen noch zwei junge Frauen. Ich denke, dass die auch ein Paar sind, ich hab mal gesehen, wie sie sich geküsst haben. Aber sicher bin ich mir nicht. Was die beiden beruflich machen weiß ich nicht. Du?“ Sie blickte zu ihrer Schwester. „Sabine ist Krankenschwester“, sagte Sarah, die sich offensichtlich mehr für ihre Nachbarn interessierte, als Jane. „Bei Frederieke habe ich keine Ahnung. Aber ja, ich glaube auch, dass das alle Nachbarn waren.“
„Ich würde gerne noch die Wohnung auf Wanzen durchsuchen“, sagte Sophie. Da ich keine Vorstellung hatte, wie eine Wanze genau aussah, wartete ich einfach, bis sie alles abgesucht hatte. Zu unserer Enttäuschung fand sie nichts. Ich konnte an ihrem Gesicht nicht ablesen, ob sie enttäuscht oder in ihren Vermutungen bestätigt war. Sie verabschiedete sich kurz darauf, versprach den Zwillingen aber weiter zu recherchieren und bat sie, sich von jetzt an bei jedem noch so kleinen Vorfall zu melden. Als wir hinausgingen, blieb sie an der Eingangstür stehen und untersuchte von außen das Schloss.
Auf dem Heimweg fragte mich Sophie: „Kennst du dich mit Dietrichen aus?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich hatte einen Onkel, der Dietrich hieß, aber von Einbruchswerkzeug habe ich nicht die geringste Ahnung.“ „Ich auch nicht, aber ich frage mich, wie ich das lernen kann.“ Ich sah sie überrascht an. „Du stehst doch auf der Seite des Gesetzes, dachte ich.“ „Prinzipiell schon“, sagte sie, „aber es wäre wohl nicht verkehrt, mit dem großen Zeh in Ausnahmefällen über die Grenzlinie zu treten, wenn es einer guten Sache dient. Meinst du nicht?“

4

Leider hatten wir schon in den Morgenstunden des nächsten Tages wieder Grund, uns bei den Zwillingen einzufinden. Beide waren völlig verängstigt. „Der Typ kommt uns immer näher“, sagte Jane mit Sorge im Blick. „Was, wenn er irgendwie krank ist? Wir müssen hier weg.“ Sie schien sich sicher, dass es sich bei dem Initiator der ganzen Sache um einen Mann handelte. „Was ist denn genau passiert?“, wollte Sophie wissen. Sie hatte mich nach dem Hilferuf der Zwillinge am Morgen aus dem Bett geklingelt und wir waren beide mehr hierher gejoggt als gelaufen. „Heute Nacht war da immer wieder so ein Klopfen um uns herum. In den Rohren, oder an der Tür. Und jemand hat einen Brief unter der Tür durchgeschoben mit Fotos von uns, die hier von außen durchs Fenster gemacht worden sind. Er will uns zeigen, dass er uns ganz nah ist, wir sind uns sicher. Es gab auch neue SMS.“
Als Sophie das Wort ergriff, sah ich zum ersten Mal richtig, wie müde sie heute aussah. „Ich habe in den letzten Tagen und die ganze letzte Nacht mit vielen Leuten telefoniert, sowohl offline als auch online recherchiert und eine meiner Theorien hat sich soweit bestätigt, dass wir der Sache ein Ende bereiten sollten. Kommt mit!“ Wir folgten ihr alle drei ein Stockwerk nach unten, wo sie den Klingelknopf neben der linken Tür betätigte. Der Name darauf lautete Mackensy und kam mir nicht im Geringsten bekannt vor. Dafür erkannte ich den Mann, der die Tür öffnete augenblicklich. Es war die eine Hälfte des prolligen Pärchens, das uns nur wenige Tage zuvor auf der Treppe hier im Haus begegnet war. Jetzt trug er eine kurze Hose und ein halboffenes Hawaii-Hemd, aus der ein silbernes Kettchen und stattliche Brustbehaarung lugten. „Herr Mackensy, ich möchte Sie hiermit auffordern Ihre Tätigkeit gegenüber diesen beiden Frauen in der Wohnung über Ihnen einzustellen. Sie werden es nicht schaffen.“ Für einen Sekundenbruchteil fror dem Mann die Mimik ein, dann wurde er sichtbar wütend. „Was reden Sie da für einen Unfug? Was soll ich gemacht haben? Ich weiß gar nicht, wer die beiden sind. Und wer ist der Fettsack da?“ Er deutete auf mich. „Ich weiß nicht, ob Sie und ihre Frau das gemeinsam gemacht haben, oder ob nur einer dafür zuständig war“, erwiderte Sophie, ohne auf seine Fragen einzugehen. „Tatsache ist, dass Sie hier unter falschem Namen wohnen. Ihr richtiger Name ist Frank Kössler.“ Er hielt inne und es war deutlich zu erkennen, dass Sophie ins Schwarze getroffen hatte. Jane schien ein Licht aufzugehen. „Sind Sie mit unserem Vermieter verwandt?“, fragte sie mit irritiertem Blick. „Das geht Sie überhaupt nichts an“, entgegnete der Angesprochene, widersprach aber nicht. „Er ist sein Sohn und das Ziel des ganzen Humbugs liegt auf der Hand“, sagte Sophie. „Ihr solltet euch hier so unwohl fühlen, dass ihr freiwillig umzieht.“ Sophie zog ein Blatt Papier aus ihrer Tasche und zeigte es ihrem Gegenüber. Darauf war ein Foto des Mannes, darunter stand allerlei Text. Es sah aus wie der Ausdruck einer Website. „Sie brauchen sich auch nicht die Mühe zu machen, irgendwas zu leugnen. Es lassen sich genug Fakten über Sie finden, dass es keinen Zweifel gibt, dass Sie hier unter falschem Namen leben. Allein das ist schon verdächtig genug. Sie oder Ihre Frau haben sich mit dem Schlüssel Zutritt zur Wohnung der beiden Frauen verschafft. Zweifellos wird die Polizei Fingerabdrücke finden, die dort nicht sein sollten.“ Eine kurze Pause entstand. Herrn Kössler schien es die Sprache verschlagen zu haben.  „Haben die das mit unseren Nachbarn auch gemacht?“, fragte Sarah, und ihre Schwester nickte, als hätte sie sich das ebenfalls schon gefragt. „Nein,“ antwortete Sophie, „ich habe gestern Abend mit einigen eurer Nachbarn geredet. Sie wohnen alle bedeutend kürzer hier als ihr und zahlen fast das Doppelte an Miete. Das dürfte auch der Grund gewesen sein, warum sie sich so eine Mühe gemacht haben, euch los zu werden.“ Sie wandte sich wieder an den Mann im Türrahmen, der mittlerweile nur noch verunsichert dreinblickte. „Und das Beste“, sagte sie, „habe ich Ihnen noch gar nicht erzählt: Ihr Vater hat mir gegenüber vor weniger als einer Stunde am Telefon zugegeben, dass er Sie damit beauftragt hat, die beiden jungen Frauen aus der Wohnung zu verscheuchen. Er ist aber mit ihrer Methodik ganz und gar nicht einverstanden.“ „Das war doch seine Idee“, platzte es aus Kössler heraus. „Das lass ich mir nicht unterschieben.“ Sophie lächelte mitleidig, kommentierte das aber nicht weiter. „Und was passiert jetzt?“, fragte er. „Wir können uns doch bestimmt irgendwie einig werden. Sie verstehen schon.“
„Ja, wir verstehen schon“, antwortete Sophie kühl. „Was passieren wird ist das Folgende: Wir übergeben das Ganze an die Polizei mit allem, was wir wissen und vermuten. Vielleicht waren Sie clever genug und Ihnen kann nichts nachgewiesen werden, ich bezweifle es aber. Wie ich es mittlerweile mehrfach in solchen Momenten bei ihr erlebt hatte, veränderte sich ihre Ausstrahlung. Sie wirkte kühler und bedrohlicher – auf eine seltsame Art größer als sonst. Wenn Sie weitermachen, sorge ich höchstpersönlich dafür, dass Sie zur Rechenschaft gezogen werden.“ Leise fügte sie hinzu: „Im Rahmen des Gesetzes oder außerhalb. Auf Wiedersehen, Herr Kössler.“ Ohne ein weiteres Wort zu sagen, schloss der Mann die Tür und wir kehrten in die Wohnung der Zwillinge zurück.
Die beiden sahen nicht erleichtert aus, als wir uns in ihrem Wohnzimmer niederließen. Jetzt, da die seltsamen Geschehnisse der letzten Wochen ein Gesicht und einen Grund hatten, waren sie deutlich erschreckender geworden. „Wann hattest du ihn im Verdacht?“, fragte Jane. Ihre Schwester rieb sich die Schläfen. „Der Zeitpunkt, als wir ihn und seine Frau im Treppenhaus getroffen haben, hat mich in Kombination mit ihrer Kleidung überrascht“, antwortete Sophie. „Wenig Leute haben so unkonventionelle Arbeitszeiten, um mitten am Tag fein rausgeputzt auszugehen, denn nach Arbeiten sahen sie nicht aus. Wenig Leute sehen so erholt aus und haben gleichzeitig genug Geld, derartig teure Klamotten zu tragen. Für all das gibt es gute Erklärungen, nicht zuletzt schlicht Urlaub, aber die Kombination ließ mich aufhorchen. Und spätestens als ihr uns erklärt habt, was eure Nachbarn beruflich machen, hatte ich Anhaltspunkte für die Recherche. Da war ich mir schon sicher, dass das Ganze von euren Nachbarn ausging und eine starke Vermutung, was das Ziel sein würde.“ Auf Janes fragenden Blick hin redete Sophie weiter. „Irgendwer musste sich Zugang zu eurer Wohnung verschaffen und euch im Auge behalten. Von Letzterem, wussten sie, was ihr anhattet. Dank eurer ungeschützten Rechner war es für jemanden mit einem Wohnungsschlüssel ein Leichtes, Software darauf zu installieren, die ihr nicht haben wolltet. Dass du dich im Laufe des einen Tages umgezogen hattest, Sarah, wussten sie so nicht, aber vieles andere. Gestern Abend und heute Nacht habe ich dann die entsprechenden Informationen gefunden, zu eurem Vermieter wusste ich schon einiges, aber ich konnte recht gut nachvollziehen, wer der Nachbarn die Wahrheit gesagt hatte und wer nicht. Und nach Leuten, die ein Start-Up aufziehen, sahen mir die beiden ehrlich nicht aus. Alle, die ich kenne, die das tun, arbeiten deutlich mehr als gut für sie ist. Noch dazu war über die Firma nichts im Netz zu finden, rein gar nichts, dafür einiges andere, als ich erstmal den Namen Frank Kössler gefunden hatte.“ „Was ich nicht verstehe“, meldete ich mich zu Wort. „Warum haben sie den beiden nicht wegen Eigenbedarfs gekündigt, wäre das nicht viel einfacher gewesen?“ „Einfacher schon, aber risikoreich“, antwortete Sophie. „Der Vermieter hat, als ich ihn aus dem Bett geklingelt und am Telefon in die Enge getrieben habe, zugegeben, dass sie die Wohnung deutlich teurer vermieten wollten. Wenn das auffliegt ist die Kündigung wirkungslos.“ „Und wie hast du herausgefunden, dass er ein Kind hat?“, fragte ich weiter. Sophie sah beschämt aus. „Ich habe gestern ein paar Kontakte spielen lassen. Die haben mir in kürzester Zeit alles geliefert was ich wissen wollte.“ „Du solltest das echt hauptberuflich machen. Detektiv sein, meine ich, falls es sowas noch gibt. Mit Mathe vergeudest du dein Talent.“ Sarah hatte ihre Sprache offenkundig wiedergefunden. Ich erwartete, Sophies herrlich freches Lachen zu hören. Stattdessen blickte sie nur einen Augenblick nachdenklich drein und wechselte das Thema. Wir redeten noch ein wenig mit Sarah und Jane über das, was vorgefallen war. Dann begleitete Sophie sie bei dem Gang zur Polizei und ich machte mich auf den Heimweg.
Am Abend wir an dem Tisch im Flur von Sophies WG Platz und ich schenkte ohne nachzufragen jedem von uns einen doppelten Whiskey ein. Danach würde Sophie schlafen gehen und ich mit mir ringen, ob ich es ihr in meiner Wohnung gleich tat, oder versuchte für die Prüfung in der kommenden Woche zu lernen. „Im Vergleich zu den letzten Malen hast du dich mit der Dramaturgie zurückgehalten, oder?“ Sie grinste breit und rieb sich nachdenklich das spitze Kinn. „Kann schon sein“, antwortete sie dann. „Ich hatte das Gefühl, das ich es dabei hin und wieder übertreibe.“ „Ich glaube, etwas mehr darf es aber schon sein“, sagte ich in übertrieben schulmeisterlichem Ton und wir stießen miteinander an. Nach einigen Minuten des schweigenden Trinkens fiel mir ein, dass ich Sophie noch etwas hatte fragen wollen. „Die Zeitung in meinem Heimatdorf, oder besser ein Freund meines Vaters, der dort Chefredakteur ist, hat mich gefragt, ob ich nicht mal wieder was für sie schreiben möchte. Einen Bericht aus der großen Stadt sozusagen.“ „Und worüber willst du schreiben?“, fragte sie. „Über dich, ehrlich gesagt“, antwortete ich und fing mir einen irritierten Blick ein. „Oder über uns, könnte man sagen. Über die Rätsel, die du löst. In letzter Zeit war ich ja oft dabei und ich denke, das fänden viele Leser spannend oder unterhaltsam. Wäre das okay für dich?“ Eine Weile sah sie mich nachdenklich an. Dann nickte sie. Ein kleines Kopfnicken, das den Rest unseres Lebens veränderte, auch wenn wir davon an diesem Nachmittag in der Beckerstraße nicht die geringste Ahnung hatten.

Gedichte (170) – Abgestillt

Abgestillt

Der kleine süß lachende Knilch
Nun frei von jeder Muttermilch
Isst jetzt sehr gerne Brot und Brei
Und feinstes Nudelallerlei

Die Mutter kriegt die Freiheit wieder
Hat ihren Körper nun für sich
Sogar Abends hier und da
Ein wenig Freizeit- königlich

Einmal wöchentlich ist drin
Abende – Für jeden einen
Weggehen, Kino, sonstwohin
Der andere hütet die Kleinen

Die Freude ist jedes Mal groß
Und man genießt es – zweifellos
Nach ein paar Stunden denkt man meist
Langsam will ich wieder los

Gedanken zieht es heimwärts
Vermissen macht sich dann doch breit
Zuhause freut sich’s Elternherz
Über vertraute Viersamkeit

Ab ins Bett, es ist schon spät,
Man denkt bevor man schlafen geht
Wohin wir gehen, was wir auch tun
Das Elternsein wird nie ganz ruhen

Gedichte (169) – Ich wäre gerne ein Planet

Ich wäre gerne ein Planet

Ich wäre gerne ein Planet
Der im Weltall riesengroß
Sich fast nur um sich selber dreht
So wichtig und doch sorgenlos

Wenn ein paar Monde ihn umschwirren
Reflektieren Sonnenlicht
Astronauten sich verirren
Das kümmert den Planeten nicht

Er sieht wie die Sternlein stehen
Kann sie betrachten und studieren
Sind von ihm aus gut zu sehen
Er wird nicht krank, er kann nicht frieren

Zweifelt nie an seinem Können
Hat klare Zukunftsperspektiven
Muss sich keine Auszeit gönnen
Dreht sich in des Weltalls Tiefen

Kein Urlaub nötig und zur Nacht
Wird auch nie an Schlaf gedacht
Immer da, ganz selbstbewusst
Ja, auf Planet-sein hätt‘ ich Lust

Gedichte (168) – Ein junger Mann

Ein junger Mann

Leander ist ein junger Mann,
Der schon auf sich stolz sein kann,
So attraktiv und durchtrainiert
Die Bildung, die läuft wie geschmiert,

Er ist gar stolz drauf, wer er ist
Und welch‘ Land seine Heimat misst
Voll Stolz, ein Deutscher sein zu dürfen
Auf Papas Jacht Champagner schlürfen
Deutsch zu sprechen, deutsch zu denken
Er hofft irgendwann mitzulenken
Bei der Führung dieses Landes
Ganz klar für jemand seines Standes

Nur Fremde mag Leander nicht
Die sind doch alle drauf erpicht
Ins Land zu kommen, nichts zu tun
Auf unsere Kosten auszuruhen

Nicht nur Kultur, auch Anstand fehlt
Weil Arbeit für „die da“ nicht zählt
Nur Ausreden sind schnell zur Hand
Sowas gehört nicht hier ins Land

Es sollt‘ mehr wie Leander geben
So sieht das Leander eben
Er wollte schnell schnell bedeutend sein
Und trat in ’ne Verbindung sein

Leanders Wange schmerzt ein bisschen,
sie ziert ein nagelneues Schmisschen
Ein Sprichwort sagt zu solchen Fällen
’nen schönen Menschen kann nix entstellen

Jedoch um wahrhaft schön zu sein
reicht nicht dein Aussehen allein

Wie bei Leander, ihm sieht man
Seine Hässlichkeit nicht an.

Jack Rodman – der ganzen Wahrheit erster Teil (5)

Ich arbeite nach wie vor immer mal wieder für den Dichtungsring daran, meinen Roman „Jack Rodman“ als Gedicht umzuschreiben. Hier folgt nun Teil 5 der Erzählung.

Viele Grüße,
Arno


Jack Rodman – der ganzen Wahrheit erster Teil (5)

Überstürzt eilt er hinaus
Lässt alles stehen und liegen
Läuft verzweifelt aus dem Haus
Will seinen Schmerz besiegen

Schreibt seiner Freundin was er weiß
Das Schluss ist, schaltet’s Handy ab
Gedanken drehen sich im Kreis
Der Trennungsschmerz hält ihn auf Trab

Ab in die Kneipe mit Kollegen
Hoch die Tassen, rein das Bier
Zeit, sich auf- und abzuregen
Viele Stunden sind sie hier

Noch stark betrunken aufgewacht
Steht auf, so gut er eben kann
Es ist nun mitten in der Nacht
Tritt schwankend nun den Heimweg an

Er ist allein, es dauert lang
Doch als er endlich angekommen
Wird ihm plötzlich Angst und bang
Er sieht die Welt noch recht verschwommen

Der Anblick bricht das Monotone
Denn das was da so lodernd brennt
Ist eindeutig zweifelsohne
Was er seine Wohnung nennt

Da fällt’s ihm ein
Ist das zu fassen?
Er hat vor lauter Herzenspein
Den Herd beim Gehen schlicht angelassen

Vor dem Haus steht Feuerwehr
Und es zieht ihn nicht da hin
Denn zu erkennen fällt nicht schwer:
Da steht auch seine Ex-Freundin

Er will schnellstmöglich weg von hier
Dreht sich um und wankt zurück
Er will ganz dringend weg von ihr
Und wieder ins Kneipenglück

Ein paar Straßen weiter
Läuft er nun Tankstelle suchend
Alles andere als heiter
Laut über das Tagwerk fluchend

Wodkaflaschen nur im Sinn
Eine Straße überquerend
Schlurft unaufmerksam vor sich hin
Demnächst wird es für ihn verheerend

Schaut nur nach vorne, ganz fatal
Sein Blick getrübt vom vielen Klaren
Dabei wird er auf einmal
Von einem Pickup umgefahren

 

 

Gedichte (166) – Postkarte

Postkarte

Freundlich grüßen alle Leute
Im Ostseeurlaub hier und heute
Und es riecht hier gar so gut
Nirgends Geruch nach Urinal
Keine Partygängerflut
Kein verdreckter Stadtkanal
Die Busfahrer, die grüßen lachend
Und verzeihen falsches Drücken
Meckerlos die Tür zumachend
Man hilft anderen aus freien Stücken
Als Tourist wird man geschont
Alles hier ist ungewohnt

Berlin, nur ein paar Stunden bist du Weg
Die Straßen voll, die Luft voll Dreck

Nach nunmehr fast schon sieben Jahren
Bist du keine Fremde mehr
Fühlt sich an wie heim zu fahren
In deinen dichten Stadtverkehr

Bist oft nicht schön und bist nicht rein
tendenziell mehr groß als klein
Bist sonst so nah und heut so fern
Ach Berlin, ick hab dir gern

Gedichte (165) – Ich wäre gern berühmt und reich

Hallo allerseits,

endlich passiert hier mal wieder was. Ich war nicht untätig in letzter Zeit, habe den Blog aber recht stiefmütterlich behandelt. Wie man das eben so macht gelobe ich Besserung und hoffe, ich werde dem gerecht werden.
Euch allen ein schönes Wochenende,

Viele Grüße,
Arno


Ich wäre gern berühmt und reich

Ich wäre gern berühmt und reich
Mit Schloss und Pool und Karpfenteich

Hab ein Orchester ganz für mich
Das jeden Morgen planmäßig
Zur Weckzeit sicher und gezielt
Fluch der Karibik-Soundtracks spielt

Was mich reizt, kein Ding, ich tu’s
Millionen Likes und Klicks und Views
Wenn ich bei Youtube nur erzähle
Wie ich eine Kartoffel schäle

Bei Instagram gibt’s täglich Bilder
In denen ich mein Frühstück schilder
Welches Lokal mag ich grad sehr?
Wer fährt meinen Rasenmäher?
Wie war mein Schlaf wohl letzte Nacht
Was wohl meine Verdauung macht?

Welche Bücher mag ich nur?
Das sagt mir meine Agentur
Wär viel zu busy um zu lesen
Dank meiner eigenen großen Thesen

Mit 30 schreib ich, wild und frei
Biografie Numero drei
Das heißt, natürlich lass ich schreiben
Werd nur Tantiemen einverleiben

Lass stets den Pöbel für mich schuften
Für mein Wohl und den ausgebufften
Plan für meine Weltherrschaft
So weit reicht meines Geldes Kraft

Wär ich berühmt und gar so reich
Wie manch ein auserwählter Scheich
Entstünde eine Menge Mist
– Vielleicht ist es auch gut wie’s ist

Rezension: Misha Anouk – Goodbye, Jehova!

Hallo zusammen,

ich habe mal wieder rezensiert, diesmal „Goodbye,  Jehova!“, das ich sehr interessant und angenehm zu lesen fand. Erschienen ist die Rezension bei Slammin Poetry.

http://www.slammin-poetry.de/magazin/releases-misha-anouk-goodbye-jehova

Viele Grüße,
Arno

Gedichte (164) – Der Werbung gewidmet

Der Werbung gewidmet

Seit gestern Abend fürcht ich mich
Fürchte mich ganz fürchterlich
Die Vorstellung ist ungeheuer
Schrecklich diese Paranoia
Ich fürcht du bist nicht wer du bist
Die mich stets so lieblich küsst
Die mir stets so lieb und teuer
Hab Angst du wärst Manuel Neuer